Oskar Panizza "Dämmerungsstücke: Die Menschenfabrik" 1890ce

"Ich trat nun in den Hausflur und brachte so viel durch Sammlung meiner Gedanken zuwege, daß ich, ihm in die Augen blickend, sehr höflich bemerkte: »Sie meinen das nur bildlich!? – Sie wollen damit nicht sagen, Sie fabrizieren Menschen!?« – »Ja, wir machen Menschen!« – »Sie fabrizieren Menschen? Was heißt das?« rief ich jetzt aufs höchste erregt. Im geheimen aber stieg in mir ein Gedanke auf, daß es mit dem Mann oder mit dem Haus nicht in Ordnung sein könne. Der alte Mann schien meine Verwunderung nicht zu bemerken oder nicht zu beachten, sondern sagte, auf eine Glastür hinweisend, zu der wir inzwischen weiterschreitend gekommen waren, »Bitte, wollen Sie hier eintreten!« – »Menschen,« – rief ich – »das kann nicht wörtlich zu nehmen sein, das ist ein Bild, eine Redeblume, Sie können nicht Menschen machen wollen, wie man Brot macht?!« – »In der Tat,« – rief das alte Männchen fast freudig und gar nicht alteriert, etwa im Tone, wie der Kustos einer Galerie sagt: Ja, das berühmte Bild, nach dem Sie fragen, das ist bei uns – »in der Tat, ich akzeptiere Ihren Vergleich – wir machen Menschen, wie man Brot macht.« – Wir waren in einen mit breiten Stein-Fliesen belegten Korridor gekommen: in den Fenster-Ecken, die zum Hof hinausführten, standen große hölzerne Spucknäpfe, mit fleckigem, weichem Sägmehl aufgefüllt; man konnte schließen, daß hier bei Tag viele Leute vorbeipassieren. Alles trug den Charakter der Salubrität und rationellen Bewirtschaftung; die Winde frisch geweißt, die Bemalung einfach, aber sorgfältig. – Ich schaute mir noch einmal den alten Mann an; er schien so nüchtern, fleißig, benevolent zu sein; sein Alter und seine Gemessenheit schienen jede Neigung zu Phantastik oder dummen Scherzen auszuschließen. Ich kratzte mir im Ohr herum, ob sich dort ein Sieb befände, welches die Worte und ihren Gehalt verstelle. – »Menschen!« – sagte ich zu mir – »Menschen« – sagte ich dann ganz laut – »machen Sie; aber wozu? Zu welchem Zweck? Zugegeben, Sie machen sie; aber wozu Menschen machen, wenn sie kostenlos täglich zu Hunderten geboren werden? Was sind Ihre Art von Menschen? Wie kommen Sie zu der ganz ungeheuerlichen Idee? Wer sind Sie? Sind Sie ein im Mittelalter stehengebliebener Phantast und brüten über zauberische Theoremata eines Dr. Faustus, die die Neuzeit längst vergessen? Wo bin ich hingeraten? Bin ich zu weit ostwärts gekommen in eine orientalische Zauberküche? Oder bin ich in einem abendländischen Narrenhaus? Reden Sie! Wiederholen Sie Ihre Antwort! Was ist das für ein Haus?"