Oskar Panizza "Dämmerungsstücke: Die Menschenfabrik" 1890ce

"Mein Begleiter schien über die Flut meiner erregten Fragen nicht im mindesten bestürzt; er sah ruhig vor sich auf den Boden hin, als kontrolliere er die Genauigkeit der Arbeit des Steinlegers, eine Gleichgültigkeit, die mich noch erregter und furchtsamer machte, und sagte dann mit einiger Gemessenheit: »Sie stellen in einem Atemzug viele Fragen. Ich will versuchen, sie von rückwärts zu beantworten. Aber ich mache Sie gleich darauf aufmerksam: Durch Sehen und Beobachten werden Sie auf unserem Rundgang mehr begreifen und kennenlernen, als ich erklären und Sie fragen können. Also nochmals: Dies Haus ist eine Fabrik!« – »Und Sie fabrizieren?« – ergänzte ich fast schnaubend. – »Menschen!« – Menschen, Menschen, sagte der Mann mit unverbrüchlicher Ruhe. Ich versank in ein tiefes Hinbrüten, das mein Begleiter nachsichtig genug war, nicht zu stören. Alle die hundert Fragen, die sich an ein so plötzlich einem in den Weg geworfenes Wort wie »Menschenfabrik« sternschnuppenartig anschließen, zogen gedrängt durch mein Inneres, weil die Zunge sie nicht rasch genug zu bewältigen vermochte. Menschen, sagte ich zu mir selbst, gut! Der Gedanke ist nicht schlecht; aber wozu sie fabrizieren, und mit welchen Hilfsmitteln? Mein Begleiter nahm mich sanft beim Arm und wollte in den ersten Saal treten. »Halt! – Noch eine Frage,« – rief ich – »bevor wir weitergehen: Tun Ihre Menschen denken?« – »Nein!« – rief er sofort mit dem Ton absolutester Sicherheit und nicht ohne den Ausdruck freudiger Erregung, als habe er die Frage erwartet oder sei froh, sie verneinen zu können. – »Nein!« – rief er – »das haben wir glücklich abgeschafft!« – »Damit gewinnt Ihre Neuerung außerordentlich für mich an Interesse,« – bemerkte ich und fuhr gleich darauf fort: »Ich habe einen Menschen gekannt, der denken mußte, – der contre cœur, ohne Neigung, ohne Beruf genötigt war zu denken – und zwar Dinge, die nicht er, sondern die sein Kopf wollte – also nicht unter einer äußeren, erziehlichen Notwendigkeit, sondern aus einem innern Antrieb, mit dem er sich ebenso identifizieren mußte wie mit seinen Gedanken; er mußte seine Gedanken contre cœur anerkennen, ich sag' Ihnen: eine Komplikation...« – »Kenn' ich,« – fuhr das auf einmal lebhaft gewordene Männchen dazwischen – »kenn' ich, weiß ich, wir sind vollständig orientiert über die Bedürfnisse des Jahrhunderts, wir wissen, wo es unserer Rasse gebricht, wir haben das Neueste!...« – Diese letztere kaufmännische Wendung machte mich wieder nüchtern und daneben mißmutig und mißtrauisch. – Wir traten in einen der großen Parterre-Säle, aus dem uns ein heißer Schwaden entgegenschlug. Alles war reichlich beleuchtet. In den Ecken mehrere mit Ton verschmierte, kapselförmige Öfen mit Gucklöchern. Bevor wir bis zur Mitte des Saales gelangt waren, kam aus dem Nebenzimmer ein Arbeiter im verstaubten Gewand mit einer Laterne in der Hand heraus, und ohne über meine Anwesenheit im mindesten erstaunt zu sein, sagte er: »Herr Direktor, soeben haben wir den Chinesen herausgebracht.« – »So,« – antwortete mein Begleiter mit fast väterlicher Milde – »sind die Augenschlitze gut ausgefallen?« – »Etwas glasig!« – meinte der Arbeiter. – »Glasig?« – wiederholte das alte Männchen erstaunt, aber nicht unfreundlich – »das tut mir leid. Lassen Sie ihn jetzt sich erst ausschnaufen; mit den Augen wollen wir sehen, was zu machen ist."