Oskar Panizza "Dämmerungsstücke: Die Menschenfabrik" 1890ce

"Was mir auffiel, war, daß die Kleider anscheinend fest mit dem Körper verbunden waren. Ich teilte dem Direktor mein Bedenken mit, mit dem Bemerken, daß es für das arme Kind schwer sei, bei der Unwandelbarkeit seiner Formen immer die richtigen Kleider zu finden. – »Kleider bedarf es keine«, antwortete er. – »Wie, Sie müssen ihr doch die Wäsche wechseln lassen!« – »Wir kreieren Wäsche und Kleider im Schöpfungsakt mit, und zwar ein für allemal.« – »Das ist doch das Wahnsinnigste, was ich je gehört habe! – Sie erschaffen also angezogene Menschen?« – »Gewiß!« – »Und die so erschaffenen Menschen bleiben angezogen ihr ganzes Leben?« – »Natürlich! Es ist doch einfacher! Die Kleider bilden einen Teil der Gesamt-Konstitution!« – »Denken Sie nur an die Ausdünstung, um von allen andern Fragen abzusehen!« – »Die haben wir auf ein Minimum vermindert! – Übrigens kann ich auf diesen Punkt nicht näher eingehen, da er an den innersten Kern, sozusagen an das geheime Lebensprinzip unserer Menschen rührt.« – Wir gingen langsamen Schrittes vom Ofen weg; ich nachdenklich und fast verwirrt wie immer. – »Wenn ich's recht überlege,« – bemerkte ich endlich – »die Prinzipien bei Ihrer Menschen-Erzeugung sind nicht so übel. Sie statten jeden Ihrer Menschen beim Schöpfungsakt mit einer bestimmten Anzahl körperlicher und geistiger Güter aus, und die lassen Sie ihnen auch unveränderlich.« – »Natürlich!« – fiel mir das alte Männchen fast feurig in die Rede und wie erfreut, daß ich endlich seinen leitenden Gedanken erfaßt. – »Natürlich! Bei den heutigen schwankenden Zeitverhältnissen, bei der Unzuverlässigkeit der meisten Menschen, der Zweifelsucht, der Schwierigkeit der Wahl des Berufs, dem Zaudern und Zögern auf allen Gebieten mußte sich schließlich das Bedürfnis einstellen, Menschen zu haben, von denen man weiß, was sie sind, was sie für Anlagen haben, welchem Temperament sie zuneigen und daß Anlagen und Temperament sich unverbrüchlich gleich bleiben. Wir statten unsere Menschen bei der Geburt mit einer nach den besten Mustern hergestellten Kollektion geistiger und leiblicher Vorzüge aus, und die verbleibt ihnen unter allen Umständen. Ich versichere Sie – unter uns gesagt –, unsere künstlich erzeugten Menschen sind mir lieber als die alte, berühmte Menschenrasse!« – »Aber die Willensfreiheit!« – entgegnete ich. – »Die ist bei den andern auch nur ein Hirngespinst!« disputierte das Männchen weiter! – »Aber die süße Täuschung, sie zu besitzen!« – »Ihren Verlust spürt meine Rasse auch nicht!« – »Die Philosophen,« – bemerkte ich kopfschüttelnd – »wenn Sie das Denken abschaffen! Die Philosophen werden mit Ihrer Fabrik-Arbeit sich nicht befreunden können.« – »Sagten Sie nicht selbst, Verehrtester, vor einer Viertelstunde, daß das Denken eine der lästigsten Operationen bei der alten Rasse sei?« – »Ja, ja, es ist oft bitter, aber halt doch schön!« – »Sie sind ein Schwärmer, ein Idealist, ohne feste kaufmännische Prinzipien!« bemerkte der Alte etwas kurz und ging voraus, mir damit andeutend, daß ein Fallenlassen des Gegenstandes ihm erwünscht sei."