Oskar Panizza "Dämmerungsstücke: Die Menschenfabrik" 1890ce

"Ein kalter, frischer Morgenwind schlug mir entgegen. Ich war erschöpft von dieser durchwachten Nacht, noch mehr von dem, was ich erlebt hatte. Die Sonne war noch nicht heraufgekommen, aber es schien ein prächtiger Tag werden zu wollen. Ich eilte, fortzukommen aus dieser schauerlichen Umgebung. – Auch hatte ich Hunger. Wie weit das nächste Dorf entfernt sein mochte, davon hatte ich keine Ahnung. Als ich den Kiesweg verlassen und wieder auf der Landstraße war, schaute ich mich noch einmal um, um dieses merkwürdige Haus zu betrachten. Vor Schrecken taumelte ich fast zurück: da standen im Parterre und ganzen ersten Stock an die Hunderte von diesen weißen, wunderschönen Menschen mit ihren glasig verzückten Augen und gelblichen Fingern dichtgedrängt an den Fenstern und schauten zu mir herüber und schienen mich zu verhöhnen. Ich wandte mein Gesicht ab und eilte, von diesem vertrackten Haus wegzukommen. – Aber wie es geht, lebhafte, beängstigende Eindrücke konzentrieren sich oft in uns bis zur Lebendigkeit und werden zu Reden, Handlungen, Lauten. Und so war es mir, als hörte ich, während ich rüstig weiterschritt, folgendes Gespräch dieser glasigen Gesellschaft im ersten Stock mich verfolgen: »Seht, da geht er. Seht, das ist so einer von der merkwürdigen Rasse, die Blut im Leib hat und denkt. Seht, wie er geht, wie er sich bewegt, wie er verschiedene Positionen annehmen kann; seht nur sein Gesicht an, wie es sich verändert. Jetzt lacht er, jetzt wird er wieder ernst. Diese merkwürdigen Geschöpfe sind wie von Gummi, sie können jede Position machen, auch im Inneren jedes Gefühl empfinden; dann verändert sich ihr Gesicht und zuckt und schnalzt und wird purpurrot und kreideweiß; seht nur, wie der geht, wie die wollenen Bein-Rohre, die nur Überzüge sind, um die fatale Bewegung zu verbergen, hin und her schlenkern; eine kostbare Rasse! Man muß sie sehen. wie sie oft in der Straße einhergehen und sich anzwinkern, dann plötzlich stehenbleiben, durch eine große, durchsichtige Scheibe hineinschauen und Bücher-Titel lesen, wie sie dann mit einemmal starr werden und die Augen heraustreiben und ihr ganzes Äußeres verrät, daß eine furchtbare Veränderung in ihrem Inneren vor sich geht; ihr Kopf fängt dann an zu denken, und der rote Saft in ihrem Körper wird dann durch ein Röhrensystem mit Windeseile durchgepeitscht; sie müssen dann denken, was der Kopf will, und empfinden, was ihnen ein roter Gummiball in der Brust vorschreibt, und sich bewegen, wie die beiden wollen; wie sie dann springen und schnalzen und den Hals verdrehen und hinüber- und herüberschießen und die Brust heraustreiben und schnaufen und dann wieder Knixer machen, – es ist zu possierlich..."