Oskar Panizza "Dämmerungsstücke: Die Menschenfabrik" 1890ce

"Wir durchschritten einige Säle, in denen es stark nach Kampfer, Kräutern und Essenzen roch und wo umherliegende Instrumente der merkwürdigsten Art andeuteten, daß hier fortwährend fleißig gearbeitet werde. Namentlich überraschte mich ein sorgfältig verschlossener Glaskasten, in dem fertig gebildete Körperteile, wie Herzen, Ohren, Fingerglieder, mörtelartig, wie aus Urstoff geformt, zu sehen waren; daneben aber auch merkwürdigerweise Attribute, Symbole, wie Pfeile, Kronen, Waffenstücke, Blitze und dergleichen. – Nun aber kam ein ganz anderes Bild: In der fünften oder sechsten Abteilung nach dem Ofen-Saal begrüßte uns eine fröhliches herzige Kinderschar; es mögen acht oder zehn gewesen sein; alle mit vor Übermut strahlenden Augen und frischen, roten Backen. Ich glaubte schon, es seien die Kinder des Direktors; bemerkte aber doch, daß die Mienen etwas steif waren; auch fiel mir auf, daß, während einige frei standen oder auf zierlichen Stühlchen saßen, andere auf einem Postament ruhten und Mörtelspritzer drumherum zu sehen waren. »Hier stell' ich Ihnen nun meine Kinder vor!« wandte sich mein Begleiter wieder an mich. –»Was?« – rief ich bestürzt – »sind es Ihre eigenen Kinder?« – »Nun ja!« antwortete er etwas trocken. – »Ihre eigenen Kinder, meine ich – von Ihnen erzeugt?« – ergänzte ich lebhaft. – »Nicht nach der alten Methode, – es ist mein Fabrikat; aber das ist ganz gleich; diese sind sogar schöner!« – »Um Gottes willen,« – entgegnete ich – »wie kommen Sie auf den Gedanken, auch künstliche Kinder zu machen?« – »Die große Miserabilität unserer heutigen Ehen hat mich auf die Idee gebracht.« – »Was, Sie werden doch unser heutiges Menschengeschlecht und seine Fortpflanzung nicht in Frage stellen wollen?!« – »Wir wollten nur einige Verbesserungen anbringen!« – »Einige Verbesserungen am Menschengeschlecht anbringen?! – Fühlen Sie denn nicht das Horrende, das Unerhörte, was in dieser Phrase liegt, die Sie kaltlächelnd aussprechen?« – (Achselzucken) – »Sie zucken mit der Achsel? – Wollen Sie denn das sittliche Band zwischen Eltern und Kindern zerreißen?« – »Diese hier werden sehr gern gekauft!« antwortete mit unverbrüchlicher Ruhe der Alte, indem er auf sein Fabrikat deutete. – »In welche Bahnen treiben Sie das Menschengeschlecht!« – fuhr ich mit großer Bewegung fort –, »was würde Hegel dazu sagen?! – Wissen Sie nicht, daß Hegel das gesamte Menschengeschlecht von den ältesten Zeiten an bis auf unsere Tage als fortlaufende Erscheinungsform der ›absoluten Idee‹ konstruiert hat und in weiser Voraussicht seine Berechnungen noch bis zum Schluß des neunzehnten Jahrhunderts fortführte, so den Menschen eine gesicherte Bahn sittlicher und geistiger Vervollkommnung vorschreibend! – Was würde er zu Ihren verbrecherischen Versuchen, das Menschengeschlecht durch ein künstliches, der Willensfreiheit beraubtes zu ersetzen, sagen?!« – »Wir können auf Konkurrenten unmöglich Rücksicht nehmen!« – »Hegel war doch kein Konkurrent! – Er war doch kein Fabrikant! – Ihm genügte, Welt, Natur und Menschen in ihren prägnantesten Erscheinungsformen festzuhalten und in ein gedachtes System zu bringen, in dem alles als mit Notwendigkeit entstanden erscheint...« – Ich fuhr in diesem geschraubten Stil noch einige Zeit fort, bemerkte aber bald, daß mein Begleiter vollständig interesselos für meine Ausführungen an einem der Kinderschürzchen herumkratzte, wo die Farbe etwas matt ausgefallen war. "