Disziplin & Moderne Kap. 4.1

Cassirer verschiebt den Akzent vom Ding aufs Symbol. Indem der Mensch zur Welt sich durch Symbole verhält, indem er ein „Symbolnetz“ zwischen sich und die Welt spannt, stellt er erst sich in die Welt. Ist Hegels Medium der Arbeit schon als geistig spezifiziert angelegt, stellt Cassirer vollends auf nur mehr geistig-kulturelle, nämlich symbolische Tätigkeiten (Mythos, Religion, Sprache, Kunst, Geschichte und Wissenschaft) des Weltverhältnisses um; aus dem Animal rationale, das ein Homo oeconomicus ist, wird das „animal symbolicum“, das freilich immer noch zur Arbeit gehen muss. Aber der Mensch verfängt sich im selbst fabrizierten Gespinst:
„Der Mensch entkommt dieser seiner Erfindung nicht. Er kann nicht anders, als sich auf die Bedingungen seines Daseins einzustellen. Er lebt nicht mehr in einem bloß physikalischen, sondern in einem symbolischen Universum. Sprache, Mythos, Kunst und Religion sind Bestandteile dieses Universums. Sie sind die vielgestaltigen Fäden, aus denen das Symbolnetz, das Gespinst menschlicher Erfahrung gewebt ist. Aller Fortschritt im Denken und in der Erfahrung verfeinert und festigt dieses Netz. Der Mensch kann der Wirklichkeit nicht mehr unmittelbar gegenübertreten; er kann sie nicht mehr als direktes Gegenüber betrachten. Die physische Realität scheint in dem Maße zurückzutreten, wie die Symboltätigkeit des Menschen an Raum gewinnt.“
Cassirer beschreibt das Symbolnetz der Kultur wie Elias die »Kristallisation« der Zivilisation. Kultur/Zivilisation wird zum System, das dem Menschen das Heft aus der Hand nimmt. Nur der Mensch konnte es erschaffen; ist es aber erst einmal in der Welt, ist er ihm ausgeliefert. Im dicht geknüpften Symbolnetz der Kultur wird der Mensch umstellt von Triebeinschränkungen. Mit »unmittelbarem«, d. h. natürlichem Verhalten wird man – unter den Bedingungen von Kultur und Disziplin – kaum rechnen können. Die Viskosität der Kultur schränkt den natürlichen Bewegungsdrang drastisch ein. Der in bzw. durch Kultur verhaftete Mensch kann nur noch symbolisch, also künstlich sich verhalten. Jede Vorstellung davon, was »natürliches« Verhalten sein könnte, ist eine symbolische Konstruktion. Nimmt man jedoch an, »natürliches« Verhalten (was auch immer damit gemeint sein könnte) sei doch möglich, dann wird man, wenn man sich dafür entscheidet, sich »natürlich« zu verhalten, mit Gefahr (möglicherweise ohne Rettung) kalkulieren müssen. Man wird also eine symbolische Operation vornehmen, um dem Realen zu trotzen. Zum Arsenal der symbolischen Formen gehört nicht zuletzt das Geld (...)