Disziplin & Moderne Kap. 6.4.2

(...) Das gehobene Bürgertum und der Adel sehen Sauberkeit als „Nachweis exklusiven Stils und Geschmacks“. Sauberkeit ist Mode, Eleganz, Geschmack, vornehme Gesittung, keineswegs Aspekt der Gesundheit. Erst im 19. Jahrhundert wird von Repräsentation auf Rationalität umgestellt. Nicht mehr die Verfasser von Manierenbüchern diktieren das Geschehen, sondern endgültig die Hygieniker. Im Rahmen der neuen naturwissenschaftlichen und v. a. medizinischen Erkenntnislagen und im Kontext zivilisatorischer Entwicklungen setzt sich das Leitbild des „gesunden, nützlichen, leistungsfähigen Körper[s]“ und mit ihm die systematische Hygienisierung »der Körper und der Köpfe« durch.
Die moderne Hygiene entwickelt sich im Brennpunkt von „Pädagogik, […] Medizin und […] Ökonomie“. Der zu erziehende, der gesunde und der produktive Körper stehen im Mittelpunkt der hygienischen Sorge, der „Moral des Körpers“ Foucault sieht ihr Erscheinen in Verbindung mit den Transformationen rund um die Sexualität im 19. Jahrhundert: Die „Technologie des Sexes ordnet sich von nun an dem Gesundheitswesen und dem Normalitätsgebot unter“. Aber nicht nur der einzelne Körper gerät in den Blickpunkt, sondern auch der Körper der Bevölkerung. Hygiene ist Schnittstelle von Disziplinargesellschaft und biopolitischer Moderne. Die Reiche der Nerven und der Viren, bis dahin unsichtbare Provinzen des Daseins, werden erschlossen, die bereits bekannten Regionen durch neuartige Vermessungsmethoden schärfer gerastert. Demographie, Virologie, Medizin der Nerven, Rassenkunde etc. entwickeln neuartige Parameter für die Pflege des Bevölkerungskörpers, die kollektive Gesundheit. Von nun an ist Hygiene Bedingung der Möglichkeit der gesunden und produktiven Bevölkerung (...)