Disziplin & Moderne Kap. 1.2

(...) Anthropologisches Denken hat also immer wieder versucht, eine Differentia specifica, die den Menschen von anderen Tieren unterscheidbar macht, anzugeben. Die biblisch-faustische Aufzählung – die Iteration Wort, Sinn, Kraft, Tat – kann als Index dieser Versuche gelesen werden: Der Mensch kann begriffen werden als das Tier, das Sprache benutzt, das zur Verständigung fähig ist; als das Tier, welches fähig ist, Sinn zu prozessieren, welches zu verstehen versteht; als das Tier, das eine Qualität, ein Vermögen, eine Fähigkeit, eine Kraft besitzt; oder als das Tier, dem nicht nur Wort, Sinn und Kraft als Potenzen zugerechnet werden können, sondern welches diese Ausstattung auch tatsächlich tätig in die Tat setzt, sich also beispielsweise Technik, Kultur und Geschichte zulegt.
Das sind Heldengesänge, Geschichten des Triumphs. Der Mensch hat etwas, was das Tier nicht hat und nicht haben kann. Die Rettung aus der Tierheit ist glücklich gelungen. Beneiden müsste eigentlich das Tier den Menschen, könnte es denn neiden. Man kann die Differentia specifica aber auch als Verlustgeschichte erzählen. Das Unglück, das die Kultur mit sich bringt, ist dem Tier fremd – und es wird mitunter darum beneidet. Diesen Modus der anthropologischen Unterscheidung wählt Benn, wenn er den Menschen mit einem ganz speziellen Tier, dem Iltis, vergleicht. Indem er seine Regressionsphantasie unüberhörbar ironisiert, bewahrt er sich davor, zu den „sentimentalen Affenromantiker[n]“ gerechnet werden zu können:

„Es ist so schön zu denken, daß wir mal im Laube gewohnt und uns in Erdlöchern gewärmt haben. Und daß wir mal geschlafen haben, wo man grade stand und müde war, vielleicht an einer Baumwurzel wie die Iltisse. Ich denke manchmal, es wird die Zeit kommen, da schlafen die Menschen nicht mehr. Denn das ist doch das Letzte aus der andern, der stummen getriebenen Welt: eine Negation des Intellekts, ein Überzug über die Großhirnrinde, ein Zurückgebrachtwerden an die niederen Zentren, an das Reflektorische, an alles das, was nicht zum Bewußtsein gesteigert werden kann. Alles andere haben wir ja schon verlassen. Dies Letzte wird auch verlassen werden.“

Es ist nicht nur »schön« zu denken, wie es wäre, so zu sein »wie die Iltisse«; der »schöne« Zustand Iltis ist nicht bloß schwärmerische Phantasie. In diesem Zustand, meint Benn, ist der Mensch tatsächlich einmal gewesen. Als es noch so und nicht anders war, partizipierte der Mensch am Paradies.
Der Iltis-Mensch, jener glückliche Troglodyt, wärmt sich an bzw. in der Natur; er lässt sich stumm treiben und schläft, wo es ihm gerade passt. Er ist noch indifferenter Teil der Natur, er ist geborgen in dieser Natur, er wohnt in ihr. Der Iltis-Mensch folgt seinen natürlichen Bedürfnissen, seinen weder orientierten noch gehemmten, weder verteilten noch vermengten, weder ver- noch entlöteten Trieben.
Er macht, was er will – obwohl (oder vielmehr weil) er gar nicht weiß, was er will. Nicht nur, dass der Iltis-Mensch nicht unter Zwängen und Verboten zu leiden hat, er hat nicht einmal die zerebrale Ausstattung, um Zwänge und Verbote (ap)perzipieren zu können.
Dann aber muss etwas geschehen sein. Es kam, wie es kommen musste. Denn es scheint zur »Natur« des Menschen zu gehören, dass er »verlassen« kann, dass er, genauer gesagt, die Natur hinter sich lassen kann. Der Mensch ist also das zur Veränderung fähige Tier. Ihn trifft sein Schicksal, die Evolution, ziemlich hart, wie Benn weiß, härter vielleicht als andere Tiere.
Der Mensch ist nämlich das zur Evolution begabtere bzw. verdammtere Tier, das zur völligen Denaturierung, das zum totalen Exodus aus der Natur fähige Tier. Keine andere Kreatur kann ernsthaft von sich behaupten, so schwindelerregend, so rasant, so radikal zu evolvieren. Damit wird das ganz und gar „nicht festgestellte Thier“ zum Evolutionssieger. Am Ende verlernt es sogar zu schlafen.
»Vigilia, chronisch« lautet Dr. Benns erschreckender Sprechstundenbescheid. (...)

(aus: Dr. Jens Dreisbach "Disziplin & Moderne - Zu einer kulturellen Konstellation in der deutschsprachigen Literatur von Keller bis Kafka " 2009ce)